Petra (45) und Frank (41) wollen im Pool ihre Leidenschaft entfachen.
Petra (45) und Frank (41) wollen im Pool ihre Leidenschaft entfachen. © RTL

Let's talk about heiße Luft

Wie sexy ist "7 Tage Sex"? - RTL startet die neue Doku am Mittwoch, 27. Februar, 21.15 Uhr

Am Ende des "Sexperiments" mit RTL ist Marcel (35) mit sich und der Welt zufrieden. "Die sieben Tage waren für mich ein Volltreffer - wie ein Sechser im Lotto, Weihnachten und Ostern auf einmal", strahlt der Familienvater, der schon seit 14 Jahren mit seiner Nadin (29) zusammen ist. Weil der Lübbener sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich wieder regelmäßig bei seiner hübschen Freundin ranzudürfen, kam ihm das neue RTL-Dokuformat "7 Tage Sex" (vier Folgen, ab 27. Februar, mittwochs, 21.15 Uhr) offensichtlich gerade recht. Die Doku auf dem guten, alten RTL-Coaching-Sendeplatz von Peter Zwegat und Katia Saalfrank begleitet jeweils zwei Paare pro Folge dabei, wie sie versuchen, die auf Anhieb nicht allzu kühn erscheinende Vorgabe, eine Woche lang jeden Tag einmal miteinander zu schlafen, in die Tat umzusetzen.

Schon fragt sich der aufmerksame Medienbeobachter: Fällt jetzt etwa die letzte Bastion des Anstands? Stößt das Real-Life-Genre in die deutsche Intimzone vor? Oder gibt es am Ende über ein Jahrzehnt nach dem Aus von Sendungen wie "peep!", "Liebe Sünde" oder "Wahre Liebe" im Privatfernsehen gar eine ungeahnte Renaissance des Schmuddelmagazins?

Die Antwort heißt: dreimal Nein. Das Ganze klingt ein bisschen aufregender als es ist und ist von expliziter Erotik weiter entfernt als ein Christian Rach von guter Laune. Allerdings ist nicht das das Problem, sondern allein die Tatsache, dass das Format an Unerheblichkeit kaum zu übertreffen ist - wahrscheinlich, weil eben genau das fehlt: die harte analytische und auch unterhaltsame Draufsicht eines Coaches, eines Menschen jedenfalls, der sich mit der Sache auskennt. Weit und breit kein "Rach der Erotik" auszumachen, der mit ein paar hemdsärmeligen Weisheiten für einen gewissen Nutzwert sorgen könnte.

So ist "7 Tage Sex" irgendwie eigenartig: Es geht hier um Sex und um die offenbar gravierenden Probleme, die gewiss nicht wenige Paare an der Ausübung desselben hindern - aber keiner spricht wirklich darüber, keiner bemüht sich, zum Kern des Problems vorzudringen, und niemand nennt die Dinge beim Namen. Selbst die sonst so drolligen RTL-Protagonisten sind diesmal in keiner Weise skurril, sondern auf dem Political-correctness-Level einer ZDF-Reportage.

Ein Coachingformat ohne Coach, das fühlt sich noch weniger aufregend an als Sex ohne Partner. Man wird einfach alleine gelassen mit den gewissen erotischen Problemchen von Marcel und Nadin oder Petra (45) und Frank (41) aus Ketsch, dem anderen Paar der Auftaktfolge. Und dann plätschern die auf knapp 60 Minuten komprimierten sieben Tage mit diesem mäßig flotten Vierer eben so dahin, ohne dass groß etwas passiert. Natürlich, und wir nehmen mit dieser Info wohl nicht zu viel Spannung raus, schaffen es die Paare vorübergehend, wenigstens einmal pro Tag zu Potte zu kommen - zumindest sagen sie das jeweils nach dem Koitus in die Kamera. Wirklich wissen tut's der Zuschauer nicht - wie auch? Der TV-Voyeurismus hat glücklicherweise seine Grenzen, und dieses brave Format ist weit vom Tabubruch entfernt. Andererseits ist eine Sex-Doku ohne Sex halt so eine Sache ...

Ihre wenigen besseren Momente hat die neue RTL-Doku immer dann, wenn die Paare, wenn auch eher unbeabsichtigt, tiefer in die Strukturen ihrer Beziehung blicken lassen. Die erfrischend ehrliche Nadin, ohnehin der heimliche Star der Auftaktfolge, sagt am fünften Tag des Experiments, an dem ihr Gelieber sie einmal mit einem kleinen Romantiktrip überrascht: "Jetzt könnt' ich auch mal Sex haben und Spaß dabei haben." Wenn sie Marcel daraufhin erklärt, dass es eben "schon wichtig ist für uns, dass wir Zeit finden zu reden" und er entgeistert entgegnet: "Wie - reden?" lässt sich schon erahnen, dass die Macher mit der Sendung eine gewisse Intention verfolgten.

Es ist ja auch keineswegs so, dass ein solches Format nicht einen Nerv hätte treffen können. Die Gesellschaft mag übererotisiert sein - aber das Thema Sex wird im deutschen Fernsehen so gut wie nicht mehr angepackt. Alles ist total sexy, aber Sex spielt keine Rolle. Dabei hätte das Thema jederzeit genug Brisanz, es geht jeden an - auch wenn kaum einer offen darüber redet.

2011 fragte "Bild" deutsche Paare: "Wie viel Sex braucht eine gute Ehe?" Herauskamen unfassbare Zahlen: 70 Prozent der Paare haben Monate nach der Geburt eines Kindes kaum noch Sex. Und nach zehn Jahren Ehe sind 85 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer mit ihrem Liebesleben unzufrieden. Der "Focus" titelte schon zehn Jahre zuvor: "Wieviel Sex braucht der Mensch?" und führte die große "Durex"-Studie ins Feld, nach der sich die Deutschen im statistischen Mittel ganze 97-mal im Jahr vereinigen - die Amerikaner tun's 132-mal. RTL selbst bringt Untersuchungen ins Spiel, wonach "Psychologen schätzen, dass 15 bis 20 Prozent aller Paare in einer sexlosen Ehe leben". Weil das schon viel sagt, aber eben längst nicht alles, und weil man in der Liebe sowieso nichts von Zahlen und Statistiken wissen will, hätte so eine praxisbezogene Annäherung an das Paarungsverhalten der Deutschen bestimmt hilfreich sein können. Und unterhaltsam.

Marcel und Nadin sind ein insofern klassisches Paar, als dass er von sich sagt, er könne immer, derweil sie den Haushalt schmeißt und abends lieber kuscheln will. Nadin schenkte Marcel vor einiger Zeit allen Ernstes ein Album mit erotischen Aufnahmen von sich - damit er sich "auch mal selber erleichtern kann", wie sie meint - oder "Fünf gegen Willy" spielen, wie er es nennt. Da steckt durchaus viel Tragik im Witz des Alltäglichen. Nur hilft hier wohl kein verkrampftes "Sexperiment" (RTL) mit sieben Tage Liebe machen, sondern ein richtiger Coach, womöglich ein Psychologe, der diesem Paar und auch dem Zuschauer klipp und klar erklärt, was wirklich im Argen liegt und wie man aus der Nummer wieder rauskommt. Bevor wir jetzt noch anfangen, uns nach einer Erika Berger zu sehnen oder rufen: "Super Nanny, übernehmen Sie!", halten wir es aber lieber mit der amerikanischen Psychologin Leonore Tiefer. Die sagt nämlich: "Wir brauchen nicht mehr Sex, sondern mehr guten Sex." Was jedoch die Sache nur noch komplizierter macht. Denn wie, um Gottes willen, soll man eine brauchbare und hauptabendtaugliche Fernsehsendung über guten Sex machen? Wie lässt sich die Liebe der anderen aus der Banalität, die diese zwangsläufig hat, herausheben?

Der Langweiler "7 Tage Sex" ist - auch wenn sich das Format in den nächsten Folgen noch steigern sollte - sicher nicht die Antwort auf diese Fragen. Aber möglicherweise ist eine TV-Sendung, die keine Erotiksendung ist, sich aber ausschließlich mit der Erotik auseinandersetzen will, ja per se zum Scheitern verurteilt. Das Lexikon definiert "Erotik" übrigens als die "geistig-seelische Seite des Liebeserlebnisses", womit das Fernsehen als Transporteur erotischer Gefühle ohnehin schon nicht geeignet erscheint ...

Frank Rauscher, 20.02.2013 | teleschau - der mediendienst

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Während Marcel durchaus mit Lust auf Sex nach Hause kommt, ist es Nadin, die nach einem anstrengenden Tag mit den Kindern und dem Haushalt keine Lust mehr verspürt. Das Experiment "7 Tage Sex" soll das ändern. Bild von: RTL
Marcel (35) und Nadin (29) haben sich ein Plätzchen in der freien Natur gesucht, um erotische Fotos zu machen. Bild von: RTL
Petra (45) und Frank (41) sind seit elf Jahren zusammen und seit zehn Jahren verheiratet. Doch trotz dessen, dass sie sich immer noch attraktiv finden, ist der Sex sehr viel weniger geworden. Das soll sich mit dem Experiment "7 Tage Sex" ändern. Bild von: RTL
Nach einem erotischen Fotoshooting lassen Marcel (35) und Nadin (29) in der freien Natur ihrer Leidenschaft freien Lauf. Bild von: RTL
Petra (45) und Frank (41) wollen sich auf das Experiment "7 Tage Sex" einlassen und dabei ihre Leidenschaft, Nähe, Liebe und den gemeinsamen Spaß wiederentdecken. Bild von: RTL